Der Geschäftsbereich „Montage und Handhabung“ der Roemheld Gruppe bietet Komponenten und Lösungen zum Drehen, Heben, Kippen und Verschieben von schweren und großen Werkstücken sowie Linearantriebe. Im Interview erklärt Julia Reichert, geschäftsführende Gesellschafterin, wie die Unternehmensgruppe mit den aktuellen Herausforderungen umgeht.
Frau Reichert, wie würden Sie die Geschäftslage der Roemheld Gruppe und der Sparte Montage und Handhabung beschreiben?
Die Geschäftslage ist stabil – stabil ist das neue super. Die harte Arbeit der letzten Jahre hat sich gelohnt. Dadurch sind wir heute so solide aufgestellt, dass wir unser Portfolio in neue Anwendungsfelder bringen.
Sie sprechen von harter Arbeit?
Wir haben sehr viel auf- und umgeräumt – damit wir jetzt mehr „abräumen“ können. Dazu gehört, dass wir in der Montage- und Handhabungstechnik das Innovationstempo erhöht und unser Sortiment optimiert haben. Außerdem haben wir unsere Organisation neu aufgestellt, Prozesse verschlankt und den Auftragsdurchlauf beschleunigt. Wir nutzen neue Vertriebswege, die im digitalen Zeitalter passend sind.
Mit der Berufung von Martin Sackmann in die Geschäftsleitung im Jahr 2025 ist der Generationenwechsel an der Unternehmensspitze abgeschlossen. Das Team besteht nun aus ihm, meinem Bruder und mir. Wir spüren deutlich, wie positiv unsere Impulse im Unternehmen aufgenommen werden. Damit haben wir einen Prozess initiiert, der unseren Mitarbeitern neue Gestaltungsspielräume eröffnet.
Können Sie der aktuellen Marktlage ebenfalls etwas Positives abgewinnen?
Zwar ist die Stimmung in der Industrie momentan eher verhalten und das Investitionsklima gedämpft. Allerdings profitiert unsere Montage und Handhabung grundsätzlich davon, dass das Thema Personalmangel viele Unternehmen dauerhaft beschäftigt. Das sorgt für eine gute Basis bei den Bestellungen unserer Produkte und Lösungen, zur Automation von Prozessen, für eine verbesserte Ergonomie und zur Qualitätssicherung. Zusätzlich beleben wir die Nachfrage, indem wir den Markt viel intensiver als früher bearbeiten und Kunden in einer größeren Breite ansprechen.

Der Geschäftsbereich „Montage und Handhabung“ der Roemheld Gruppe bietet Komponenten und Lösungen zum Drehen, Heben, Kippen und Verschieben von schweren Werkstücken sowie Einpressvorrichtungen und Linearantriebe
Wie macht sich das konkret bemerkbar?
In unterschiedlicher Hinsicht. Zum einen gewinnen wir immer häufiger Kunden aus neuen Branchen. Zum anderen registrieren wir bei unseren Bestandskunden eine zunehmende Automatisierung der Montage. Hier gibt es vor allem zwei Gruppierungen: diejenigen, die Montage und Produktion beschleunigen möchten. Und diejenigen, die insbesondere an Daten für die Qualitätssicherung und dokumentation interessiert sind.
Die Montage und Reparatur von Fahrrädern haben wir erst jüngst als Marktsegment erschlossen – unsere mobilen Vorrichtungen Bike proMobil, Bike proStand und Bike basicLift verkaufen sich sehr gut.
Ein anderes Beispiel stammt aus der Medizin: Hier werden mittlerweile mit unseren verfahrbaren Hubsäulen OP-Roboter zwischen verschiedenen Behandlungsräumen bewegt. Neue Abnehmer kommen zudem aus der Montage von Komponenten für Schienenfahrzeuge, für die Luftfahrt und für die Lüftungs- und Klimatechnik.
Welche konkreten Ansprüche stellen Kunden an Roemheld?
Wir erleben aktuell, dass nicht mehr in erster Linie um jede Sekunde Produktivität gekämpft wird. Im Vordergrund stehen eher Lösungen, mit denen Unternehmen ihr Personal dazu befähigen, möglichst effizient zu arbeiten. Hintergrund ist die Erkenntnis, dass es unerlässlich ist, mit unserem Humankapital sorgsam umzugehen.
Neben der Ergonomie rücken mehr und mehr die Vereinfachung von Prozessen, der Zeit- und Effizienzgewinn sowie die Qualitätssicherung und die Arbeitssicherheit in den Vordergrund. Das sind alles Anforderungen, bei denen wir die Vorteile unseres modular aufgebauten Baukastensystems aus robusten Komponenten ausspielen können. Denn damit können Kunden individuelle Lösung konfigurieren, die Ihre spezifischen Anforderungen an Qualität und Sicherheit gewährleisten.
Wie schätzen Sie das Marktpotenzial im Bereich Montage- und Handhabungstechnik ein?
Positiv. Wir haben in diesem Geschäftsbereich aktuell noch einen geringen Marktanteil und sehen große Wachstumschancen sowohl in Deutschland als auch im Ausland. Daher wollen wir in den nächsten drei bis fünf Jahren verstärkt auch international wachsen. Hierfür passen wir momentan unsere Lieferketten und unsere Vertriebsorganisation an. Außerdem werden wir unsere internationalen Marketing-Aktivitäten intensivieren.
Wie unterstützen Sie Ihre Kunden bei der Planung und Implementierung von Lösungen?
Das Ausscheiden der Babyboomer aus dem Erwerbsleben führt zu einem massiven Verlust an Arbeitskräften. Unsere Lösungen fangen genau das auf: Durch das intelligente Handling von Werkstücken ermöglichen sie sicheres und effizientes Arbeiten – auch dort, wo bisher mehrere Personen nötig waren.
Ein anderer Aspekt: Viele Unternehmen haben infolge des demografischen Wandels bereits heute internes Know-how verloren. Daher bieten wir in Zusammenarbeit mit spezialisierten Ingenieurbüros verstärkt Engineering-Dienstleistungen an. Diese Beratung ist für uns ein wichtiger Differenzierungsfaktor: Früher waren wir vor allem ein Lieferant von hochwertigen Komponenten für die Montage und Handhabung, heute sehen wir uns zunehmend auch als Partner bei der Suche nach technischen Lösungen.
Wie verändert sich die Zusammenarbeit mit Ihren Kunden?
Die Investitionsbereitschaft ist vorhanden, aber zielgerichteter als früher. Es werden weniger schnell Gespräche geführt, aber wenn, dann sind sie intensiv und wir haben gute Aussichten auf einen Auftrag. Die Corona-Zeit hat uns gelehrt, dass digitale Events nur beschränkt erfolgreich sind. Persönliche Beziehungen und die Nähe zu den Menschen sind wichtig. Sympathie ist auch im Geschäftsleben ein nicht zu unterschätzender Faktor.
Welche Rolle spielen Innovationen in Ihrem Unternehmen?
Eine sehr große. Wir haben mittlerweile ein Innovationsteam mit direktem Zugang zur Geschäftsführung. Das ist eine wesentliche Neuheit und beschleunigt den Innovationsprozess. Vorher waren die Mitarbeiter in den verschiedenen Engineering-Abteilungen integriert.
Spielt KI in der Produktentwicklung eine Rolle?
In Maßen. Wir haben beispielweise ein Entwicklungsprojekt mit einem Kunden durchgeführt. Dabei ging es darum, mit Hilfe von KI die Qualität von Pressvorgängen bei einer Vorrichtung auszuwerten. Dies zeigt das Potenzial für vorausschauende Wartung und Prozessoptimierung. Außerdem nutzen wir KI für die Recherche und Analyse unserer Konstruktionsdaten, zur Unterstützung der Vertriebsarbeit und für die Einschätzung von Marktpotenzialen.
Wie balancieren Sie zwischen Investitionen und Vorsicht?
Zu viel Vorsicht in unsicheren Zeiten ist nicht gut. Wenn man länger nicht investiert, begibt man sich in eine Abwärtsspirale und verliert Sichtbarkeit am Markt. Insofern ist es wichtig, in den Vertrieb, in die Produktentwicklung und in die Qualifikation der Mitarbeiter planvoll zu investieren. Wir haben das in der Vergangenheit eine Zeitlang vernachlässigt, aber in den letzten zwei Jahren spürbar aufgeholt.
Stichwort Fachkräftemangel – wie gehen Sie selbst damit um?
Wir versuchen durch Events und verstärkte Brand-Awareness, die Roemheld Gruppe greifbar und ansprechbar zu machen. Insbesondere unser Nachwuchs-Förderprogramm hilft uns sehr. Wir übertragen aufstrebenden Mitarbeitenden Verantwortung, zentrale Aufgaben zu übernehmen. Das motiviert und setzt Kräfte frei.
Was macht Sie zuversichtlich für die Zukunft?
Unsere Produkte werden benötigt! Das bestätigen uns unsere Kunden jeden Tag. Deswegen bin ich sicher, dass wir über ein valides Geschäftsmodell verfügen. Wir haben in den letzten fünf Jahren viel geleistet. Seitdem lernen wir uns neu kennen – untereinander und auch in der Beziehung zu unseren Kunden. Diese Erfahrungen geben uns täglich neue Energie. Daher bin ich sicher, dass wir mit unserer Strategie auch in Zukunft erfolgreich sein werden.
Kurzinfo Julia Reichert
Julia Reichert, geb. Ehrhardt, ist Geschäftsführerin der Roemheld Gruppe. Nach ihrem Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Zeppelin University in Friedrichshafen (B.A. Economics) und externen beruflichen Stationen trat sie 2013 in die Geschäftsleitung der Unternehmensgruppe ein. Seit 2014 führt sie die Roemheld GmbH Friedrichshütte, zwei Jahre später übernahm sie zusätzlich die Geschäftsführung weiterer Gesellschaften der Gruppe. Als Gesellschafterin repräsentiert sie gemeinsam mit ihrem Bruder Philipp Ehrhardt, Maschinenbauingenieur, in fünfter Generation die Eigentümerfamilien in der Leitung des Familienunternehmens. Julia Reichert ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Über Roemheld: Ob Flugzeuge, Automobile, Werkzeugmaschinen oder Gehäuse für Smartphones: Technologien und Produkte von Roemheld kommen bei der Herstellung zahlreicher Industriegüter und Waren für den Endverbraucher seit über 80 Jahren zum Einsatz. Innovative und smarte Spanntechnik-Lösungen für Werkstücke sowie für Werkzeuge in der Umformtechnik und Kunststoffverarbeitung bilden den Kern des kontinuierlich wachsenden Portfolios. Ergänzt wird es durch Komponenten und Systeme der Montage- und Handhabungstechnik, der Antriebstechnik und der Automation sowie durch Verriegelungen für Rotoren von Windenergieanlagen. Neben einem ständig wachsenden Angebot von mehr als 25.000 Katalogartikeln ist Roemheld auf die Entwicklung und Herstellung von kundenspezifischen Lösungen spezialisiert und gilt international als einer der Markt- und Qualitätsführer.
Innovation durch Tradition: Seinen Ursprung hat Roemheld in der 1707 gegründeten Gießerei Friedrichshütte, die heute noch zur Roemheld Gruppe gehört und eines der ältesten aktiven Industrieunternehmen in Deutschland ist. Die inhabergeführte Unternehmensgruppe beschäftigt an den drei Standorten Laubach, Wilnsdorf und Rankweil/Österreich etwa 500 Mitarbeiter und ist in über 50 Ländern mit Service- und Vertriebsgesellschaften vertreten. Mit Kunden insbesondere aus dem Maschinenbau, der Automobil-, der Luftfahrt- und der Agrarindustrie erzielt Roemheld jährlich einen Umsatz von mehr als 90 Mio. Euro.
Text- und Bildquelle: Römheld GmbH Friedrichshütte






